Coopérative Solaire Riviera
Zum Bewerten auf einen Stern tippen
Solaire Riviera ist keine Firma, die man beauftragt, sondern eine Genossenschaft, der man beitritt. 2022 in Vevey gegründet, um dezentrale erneuerbare Energieproduktion in der Region zu entwickeln, funktioniert sie nach dem Prinzip des "contracting énergétique": Sie stellt Infrastruktur, Finanzierung und Fachwissen bereit, um Solaranlagen auf Dächern zu betreiben, die ihr selbst nicht gehören, und verkauft den erzeugten Strom günstiger an ihre Mitglieder-Eigentümer über Eigenverbrauch, oder an Dritte. Ziel ist ausdrücklich die Förderung von Solaranlagen im Osten der Waadt, nicht ein landesweites Geschäft, und wer beitritt, wird zugleich Mitfinanzierer und Mitentscheider, nicht bloss Kunde.
Zwei Arten, Mitglied zu werden
Die Genossenschaft kennt zwei Mitgliedschaftsformen, und beide sind auf der Webseite mit konkreten Bedingungen hinterlegt. Als Sociétaire-Financeur investiert man Kapital: Ein Anteil kostet 1'000 CHF, mindestens ein Anteil ist Pflicht, und die Anteile sind nicht an eine bestimmte Anlage gebunden, sondern an den gesamten Anlagenpark der Genossenschaft. Wer einsteigt, verpflichtet sich, die Anteile mindestens 5 Jahre lang nicht zu verkaufen; danach ist ein Rückverkauf an die Genossenschaft oder an Dritte möglich, aber nur mit Zustimmung des Verwaltungsrats und wenn die Genossenschaft finanziell dazu in der Lage ist. Der Wert eines Anteils bleibt über die Zeit unverändert, es handelt sich also nicht um eine Kapitalanlage mit Wertsteigerung, sondern um eine Beteiligung mit jährlicher Ausschüttung nach Rechnungsabschluss, deren Höhe die Seite nicht beziffert. Bei Abstimmungen zählt ohnehin nur eine Stimme pro Mitglied, unabhängig von der Anzahl gehaltener Anteile.
Als Sociétaire-Propriétaire stellt man stattdessen ein Dach zur Verfügung. Die Genossenschaft finanziert, baut und betreibt die Anlage und bleibt deren Eigentümerin; der Dacheigentümer wird durch den Erwerb von mindestens einem Anteil ebenfalls Genossenschafter und erhält dafür einen Rabatt auf den direkt von der eigenen Anlage bezogenen Strom, verglichen mit dem durchschnittlichen kWh-Preis. Dieser Mindestrabatt wird vertraglich festgelegt und kann je nach Anlagenleistung steigen, eine konkrete Prozentzahl nennt die Seite dafür nicht. Als Genossenschafter erhält der Dacheigentümer zudem transparenten Zugang zu den Finanz- und Betriebsdaten der Anlagen sowie eine Stimme an der Generalversammlung, ohne selbst investieren oder sich um Unterhalt und Verwaltung kümmern zu müssen.
Warum überhaupt eine Genossenschaft
Die Rechtsform ist kein Zufall, sondern erklärt einen Grossteil dessen, was Solaire Riviera von einem gewinnorientierten Solaranbieter unterscheidet. Auf ihrer eigenen Seite definiert sich eine "société coopérative" als Rechtsform, die sich für Gruppen von Personen oder Unternehmen eignet, die wirtschaftliche oder soziale Interessen durch gemeinsames Handeln fördern wollen, gestützt auf die Artikel 828 bis 926 des Schweizerischen Obligationenrechts. Entscheidungen fallen kollektiv an der Generalversammlung, wo jedes Mitglied unabhängig von der Anzahl seiner Anteile genau eine Stimme hat, dieselbe Regel, die schon bei den Sociétaires-Financeurs gilt. Der entscheidende Unterschied zu einer Aktiengesellschaft steckt in einem einzigen Satz auf der Seite: Spekulation mit den Anteilen ist ausgeschlossen, weil deren Wert über die Zeit stabil bleibt und sich eine Genossenschaft grundsätzlich nicht verkaufen lässt. Wer hier einsteigt, kauft also kein Wertpapier, das im Kurs steigen könnte, sondern eine Mitgliedschaft mit Stimmrecht und einer bescheidenen, jährlichen Ausschüttung.
Zwei reale Anlagen als Beleg
Dass es sich nicht um ein Konzept auf dem Papier handelt, zeigen zwei konkrete Projekte, die die Seite unter "Projets" auflistet. Die Anlage Clos 2 in Vevey verfügt über 273 Quadratmeter Panelfläche und produziert 64'000 kWh pro Jahr, in Betrieb seit Juni 2024. Die Anlage Crosets 45-47, ebenfalls in Vevey, kommt auf 236 Quadratmeter Panelfläche mit einer integrierten Batterie von 42 kWh und soll im Mai 2026 in Betrieb gehen, mit einer geplanten Jahresproduktion von 59'000 kWh. Zusammen ergibt das nach eigener Rechnung der Genossenschaft 509 Quadratmeter installierte Panelfläche und eine Produktion von 123'000 kWh im Jahr, verteilt auf zwei Standorte, beide in Vevey selbst.
Absichtlich begrenzte Rendite
Solaire Riviera nennt ihre eigene Rechtsform ausdrücklich "lucrativité limitée", begrenzte Gewinnorientierung. Die Statuten schränken ein, wie viel Gewinn aus dem Verkauf der produzierten Energie überhaupt ausgeschüttet werden darf; nahezu der gesamte Ertrag muss in die Weiterverfolgung der genossenschaftlichen Ziele fliessen. Die Seite formuliert das programmatisch: Das gesellschaftliche Projekt sei das, was ein Unternehmen antreibt, nicht die Gewinnmaximierung, und der erwirtschaftete Überschuss werde unter allen Beteiligten gerecht verteilt. Für Anleger, die eine möglichst hohe Rendite suchen, ist das der falsche Ort; für alle, die lokale Energieproduktion mitfinanzieren wollen, ohne dabei ein Dach zu besitzen, ist genau das der Zweck der Übung.
Was die Seite offenlässt
Zwei Dinge fehlen auf solaireriviera.ch, die vor einer Zusage wichtig wären: eine Zahl für die tatsächliche jährliche Ausschüttung auf die Kapitalanteile, und eine Prozentzahl für den Strompreisrabatt, den Dacheigentümer effektiv erhalten. Auch eine feste Vertragsdauer für Sociétaires-Propriétaires wird nirgends genannt, nur dass eine Vereinbarung die Rechte und Pflichten beider Seiten regelt. Wer konkret wissen will, wie viel eine Beteiligung abwirft oder wie lange die eigene Dachfläche gebunden wäre, muss das direkt mit der Genossenschaft klären, am besten schriftlich, bevor eine Unterschrift unter irgendeiner Vereinbarung steht.
Für wen sich das eignet
Solaire Riviera passt zu zwei sehr unterschiedlichen Profilen, die dieselbe Struktur teilen. Für Privatpersonen aus der Region, die mit einem überschaubaren Betrag ab 1'000 CHF lokale Solarprojekte mitfinanzieren wollen, ist die Genossenschaft ein niedrigschwelliger Einstieg mit demokratischer Mitsprache, auch wenn Wertsteigerung und garantierte Rendite ausdrücklich nicht zum Konzept gehören. Für Eigentümer eines mittelgrossen Dachs in der Region Vevey, die Solarstrom wollen, ohne selbst Kapital, Planung oder Unterhalt zu übernehmen, ist es ein Contracting-Modell ähnlich dem grösserer, städtischer Anbieter, nur genossenschaftlich statt kommunal organisiert und ausdrücklich auf die Riviera vaudoise begrenzt. Wer ausserhalb dieser Region liegt oder eine schnelle, hohe finanzielle Rendite sucht, findet hier keine passende Adresse, und sollte sich lieber gleich anderswo umsehen.
Was man dabei realistisch einordnen sollte: Die Genossenschaft ist noch jung, 2022 gegründet, und die publizierte Projektliste zeigt bislang zwei Anlagen, beide in Vevey selbst. Das ist kein Zeichen mangelnder Seriosität, ein regionaler, mitgliedergetragener Ansatz wächst naturgemäss langsamer als ein kommerzieller Anbieter mit Fremdkapital, aber wer eine lange Erfolgsbilanz mit Dutzenden realisierten Dächern sucht, findet die hier noch nicht. Wer dagegen von Anfang an dabei sein und die Entwicklung der Genossenschaft von ihren ersten Jahren an direkt an der Generalversammlung mitverfolgen will, bekommt genau das, wofür Solaire Riviera wirbt: Transparenz und Mitsprache statt Grösse.