Energia Alpina
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Sedrun ist bekannt für die Gotthard-Basistunnel-Baustelle und den Skiort Disentis-Sedrun, weniger dafür, dass hier gerade an der grössten alpinen Solaranlage der Schweiz gebaut wird. Energia Alpina, das regionale Energieunternehmen von Tujetsch, ist an diesem Projekt nicht nur beteiligt, sondern treibt es als eigenes Pionierprojekt voran, während es im Alltag als klassischer Netzbetreiber und Elektrodienstleister für die Region auftritt.
Sedrun Solar: das Pionierprojekt
Sedrun Solar ist mit einer geplanten Jahresproduktion von 29 Gigawattstunden ausgelegt und soll damit lokal produzierte, erneuerbare Energie für bis zu 6500 Haushalte bereitstellen. Energia Alpina beschreibt das Vorhaben selbst als «die erste alpine Photovoltaik-Grossanlage der Schweiz» und als «mutiges Pionierprojekt», das einen wichtigen Beitrag zur Energiewende leiste und die nachhaltige Stromversorgung der Schweiz sichere.
Die technischen Eckdaten, die das Unternehmen auf seiner Website veröffentlicht, sind konkret: Die geplante Panelfläche beträgt 330'000 Quadratmeter, die installierte Leistung soll 19'300 Kilowattpeak erreichen, und die Jahresstromproduktion ist mit 29'060'000 Kilowattstunden angegeben, was den kommunizierten 29 Gigawattstunden entspricht. Die Inbetriebnahme ist ab 2025 vorgesehen, wobei die volle Fläche und Produktion laut eigener Angabe voraussichtlich erst ab Ende 2028 erreicht wird. Es handelt sich damit um ein mehrjähriges Ausbauprojekt und nicht um eine Anlage, die von einem Tag auf den anderen ans Netz geht.
Photovoltaik für Kunden bleibt vage beschrieben
Bei den Solar-Dienstleistungen für Privat- und Geschäftskunden ist die Website zurückhaltender, als man bei einem Unternehmen mit einem Grossprojekt dieser Grössenordnung vermuten würde. Unter der Rubrik Erneuerbare Energien schreibt Energia Alpina lediglich, dass Photovoltaikanlagen und Anergienetze nachhaltige Energielösungen für eine klimafreundliche Energiezukunft seien und dass man Kundschaft beim Wechsel begleite. Eine genaue Beschreibung, ob und wie Energia Alpina Photovoltaikanlagen für Dritte plant und montiert, etwa vom Einfamilienhaus bis zur grösseren Arealversorgung, findet sich auf der Website nicht.
Was sich dagegen klar belegen lässt, ist das eigene Produktionsportfolio des Unternehmens. Neben mehreren Kleinwasserkraftwerken betreibt Energia Alpina mindestens 5 benannte Photovoltaikanlagen im Gebiet: eine Anlage auf der Mehrzweckhalle Dulezi mit 96.0 Kilowattpeak Leistung (Baujahr 2017), eine baugleiche Anlage bei der Residenza Dulezi mit ebenfalls 96.0 Kilowattpeak (2017), eine Anlage bei La Conditoria mit 83.8 Kilowattpeak (2020), eine Anlage bei der Giger SA mit 176.0 Kilowattpeak (2020) sowie eine Anlage am Unterwerk Tujetsch mit 105.0 Kilowattpeak (2025). Diese Anlagen erscheinen auf der Website im Rahmen der eigenen Energieproduktion, mit exakten Angaben zu Baujahr, Panelfläche und Jahresstromproduktion, ähnlich wie bei den firmeneigenen Wasserkraftwerken.
Netzbetrieb als Kerngeschäft
Als regionaler Netzbetreiber stellt Energia Alpina die sichere und zuverlässige Energieverteilung durch das firmeneigene Stromnetz sicher. Die Firma versorgt nach eigenen Angaben den Jahresbedarf von rund 2300 Stromkundinnen und -kunden über die eigene Stromproduktion aus erneuerbaren Quellen, und wirbt für ihre Stromversorgung insgesamt mit 100 Prozent erneuerbarer Energie aus lokaler Produktion. Dieselbe Zusage macht das Unternehmen für seine öffentlichen Ladestationen an den Parkplätzen Dulezi, Drun und beim Bahnhof, die es ausdrücklich mit 100 Prozent erneuerbarem Strom aus lokaler Wasser- und Solarkraft versorgt. Für Elektroinstallationen, Netzanschlüsse und Beratung führt das Unternehmen eine eigene Sparte, die es auf der Website als Elektro-Dienstleistungen bezeichnet und als umfassende Services rund um die Energieversorgung beschreibt, ohne einzelne Leistungen im Detail aufzuschlüsseln.
Neben Strom und Solar betreibt Energia Alpina auch ein Fernwärmenetz, ein sogenanntes Anergienetz, das Umweltwärme aus Erdsonden für Heizung und Kühlung nutzbar macht.
Über 100 Jahre Firmengeschichte, dokumentiert bis 1918
Energia Alpina veröffentlicht auf ihrer Unternehmensseite eine eigene Zeitleiste, die bis zur Gründung zurückreicht: 1918 wurde die «Installaziun electrica Sedrun SA» gegründet, mit dem ersten Wasserkraftwerk der Talschaft und dem Start der Energieversorgung aus Wasserkraft in Tujetsch. 1946 baute das Unternehmen die Stromleitung zwischen Disentis und Sedrun, 1947 wurde das Maschinenhaus Val Strem renoviert und von Gleich- auf Wechselstrom umgestellt. 1969 kam eine eigene Elektroplanungsabteilung dazu, 1974 wurde die Netzspannung von 8 auf 16 Kilovolt erhöht, und 1979 ging das neue Kraftwerk Val Giuv in Betrieb. 1996 lieferte Energia Alpina die Baustromversorgung für die Grossbaustelle des AlpTransit-Basistunnels, 1999 folgte das neue Unterwerk Tujetsch, und 2004 nahm das Unternehmen das Kraftwerk Val Strem in Betrieb, nach eigener Darstellung als erstes Wasserkraftwerk der Schweiz, das seine Energieproduktion über das neue Förderungsmodell KEV abwickelte.
Bei einem Detail widerspricht sich die eigene Zeitleiste: Sowohl für 1973 als auch für 2002 nennt Energia Alpina die «erste Zählerfernauslesung bei Grosskunden», was sich nicht beides gleichzeitig als Premiere halten lässt. Welches der beiden Daten zutrifft, lässt sich von aussen nicht klären, weshalb hier beide Angaben genannt werden, statt eine davon stillschweigend zu unterschlagen.
Was das Anergienetz konkret kostet
Für das Fernwärme- und Kältenetz veröffentlicht Energia Alpina, anders als für Photovoltaik, eine konkrete Beispielrechnung. Für ein neues Mehrfamilienhaus mit 10 Wohnungen kalkuliert das Unternehmen einen Wärmeverbrauch von 68'000 Kilowattstunden bei einer voraussichtlichen Leistung von 28 Kilowatt und einer Anschlussleistung von 1.3 Litern pro Sekunde Anergie, bei einem Wasserverbrauch von 11'600 Kubikmetern. Die einmalige Anschlussgebühr beträgt in diesem Beispiel CHF 6'500, die jährliche Grundgebühr CHF 3'250 und die jährliche Bezugsgebühr CHF 3'712, macht zusammen CHF 6'962 Gesamtkosten pro Jahr bei einem Durchschnittspreis von 10.2 Rappen pro Kilowattstunde. Ansprechperson für das Anergienetz ist laut Website Martin Cavegn, Leiter Erneuerbare Energien. Für eine eigene Photovoltaikanlage veröffentlicht Energia Alpina keine vergleichbare Beispielrechnung, weshalb sich daraus keine Kosten für eine Solaranlage ableiten lassen.
Aventura Energia: die eigene Erlebniswelt
Ein ungewöhnliches Detail für ein Energieunternehmen dieser Grösse ist «Aventura Energia», eine kostenlose Erlebniswelt am Firmensitz, in der Kinder und Erwachsene laut eigener Beschreibung Stromtipps für zu Hause, Energiegeschichten aus der Region und Fakten rund um Sedrun Solar entdecken können, montags bis freitags von 8 bis 17 Uhr geöffnet. Das zeigt, wie stark das Unternehmen Sedrun Solar auch als Kommunikationsprojekt gegenüber der eigenen Bevölkerung versteht, nicht nur als technische Anlage.
Für wen sich Energia Alpina eignet
Für Haushalte und Betriebe in Tujetsch ist Energia Alpina in erster Linie der Netzbetreiber, an dem ohnehin niemand vorbeikommt, und zusätzlich der sichtbare Motor hinter dem grössten alpinen Solarprojekt der Schweiz. Wer sich für eine eigene Photovoltaikanlage interessiert, findet auf der Website Werbung für das Thema, aber keine ausformulierte Leistungsbeschreibung, keine Referenzliste für private Anlagen und keine Preisangaben, weshalb sich ein direktes Gespräch vor Ort oder ein Anruf lohnt, um herauszufinden, ob und zu welchen Konditionen das Unternehmen eine private Anlage plant und baut. Für alle, die die Entwicklung von Sedrun Solar verfolgen wollen, liefert die eigene Projektunterseite dagegen ungewöhnlich genaue technische Zahlen, von der Panelfläche bis zur voraussichtlichen Jahresproduktion.